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Rückblick 3. Wissenschaftlicher Dialog

30 . Mai 2017

 

 

Frühkindliche Entwicklung: Wie traumatische Erfahrungen die Hirnentwicklung prägen

 

WissDialog_2017_05_16

 

Der dritte Wissenschaftliche Dialog der Informations- und Koordinierungsstelle Kindertagespflege in Sachsen (IKS) stand unter dem Titel „Trauma der Seele – Narben im Gehirn: Gehirnorganische Veränderungen nach früher Traumatisierung und Vernachlässigung“. Wissenschaft und Praxis nutzten die Chance für den Austausch.

Dass die ersten Lebensjahre prägend für die spätere Entwicklung eines Menschen sind, ist weitgehend bekannt. Inwieweit sich dies auch hirnphysiologisch nachweisen lässt und welche Folgen beispielsweise Traumatisierung oder Vernachlässigung auf die Hirnentwicklung haben können, stellten zwei renommierte Wissenschaftlerinnen auf dem dritten Wissenschaftlichen Dialog der Informations- und Koordinierungsstelle Kindertagespflege in Sachsen (IKS) vor.

Entgrenzte Arbeitswelt erhöht Druck auf Eltern

Prof. Dr. Claudia Hruska von der Universität Leipzig betrachtete in ihrem Vortrag die heutige Situation von Familien. Sie schilderte eingehend, wie sich Elternschaft in den letzten Jahren durch eine entgrenzte Arbeitswelt verändert hat. Der damit einhergehende Druck sei in den östlichen Bundesländern höher als im Rest des Landes. Die Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung würden häufig nicht erkannt. So können beispielsweise befristete Arbeitsverhältnisse eine zusätzliche Belastung für junge Eltern sein und die fehlende Sicherheit einer festen Beschäftigung einen zusätzlichen Stressfaktor bilden. Damit einhergehende Arbeitsplatz- und auch Wohnortwechsel erzeugten zudem Spannungen, die Eltern unbewusst immer auf das Kleinkind übertrügen. Extreme Folge der Überforderung könnte dann u.a. die Vernachlässigung des Kindes sein. Geschieht dies in den ersten Lebensjahren, wirke sich dies prägend auf die spätere Entwicklung aus.

Hirnentwicklung geschieht im Dialog

Diese Erkenntnisse untermauerte Prof. Dr. Anna Katharina Braun von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, die seit mehreren Jahren zur Hirnentwicklung im prä- und postnatalen Stadium forscht. Die Entwicklung des Gehirns gelinge nur im Dialog. Der Beziehung zwischen Eltern und Kind komme in dieser Hinsicht die zentrale Rolle zu. Zeiten des Miteinanders und die bewusste Zuwendung zueinander seien dabei Schlüsselaspekte. Allerdings müsse die junge Mutter dazu auch in der Lage sein. Gleichzeitig mahnte sie, dass die Bedeutung der sozialen und emotionalen Umwelt für das Kind heute immer noch unterschätzt würde. Vor diesem Hintergrund müssten die Zeit mit den Eltern und jene bei externen Betreuungspersonen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Zu lange Betreuungszeiten seien nicht förderlich.

Früh erworbene Defizite der Hirnentwicklung prägen persönliche Entwicklung nachhaltig

Beide Referentinnen umrissen die frühkindliche Lebensphase als die für die persönliche Entwicklung prägendste. Auch wenn die Hirnentwicklung tatsächlich erst in der Mitte der Zwanziger abgeschlossen sei, stellten sich die Weichen maßgeblich in den ersten Lebensjahren. Traumatische Erlebnisse oder Verwahrlosung hätten daher umso verheerendere Auswirkungen. Sie könnten sich langfristig in Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen manifestieren. Je nach Grad und Dauer der Einflüsse könne man sogar davon ausgehen, dass die Erfolgschancen therapeutischer Hilfe mit fortschreitendem Alter geringer würden. Erschreckend war zudem die Erkenntnis, dass sich gewisse Prägungen des Hirns epigenetisch auf bis zu zwei Folgegenerationen übertragen können.

„Unsere Gäste haben auf anschauliche Weise die aktuellen Forschungsergebnisse präsentiert und Anregungen für die Praxis gegeben. Deshalb freut es mich besonders, dass wir mit unseren Veranstaltungen zur frühkindlichen Entwicklung weit mehr als nur Tageseltern erreichen. Fast 100 Gäste aus Kindertageseinrichtungen, der Kindertagespflege, Jugendämtern, dem Kultusministerium sowie Hebammen, Studierende und Mitarbeitende der Erziehungshilfe sind diesmal unserer Einladung gefolgt“, zieht Simone Kühnert, Projektkoordinatorin der IKS und Hauptorganisatorin, ein positives Fazit des dritten Wissenschaftlichen Dialogs. Das ausgewogene Verhältnis von fachlichen Vorträgen und ausreichendem Raum zur Nachfrage bzw. zum Gespräch miteinander, bewerteten viele Teilnehmende als äußerst gelungen.